Planung 2.
Jahr des Sprachprojekts in Kl. 6
im Schuljahr 2003/04
Uhlandschule
Metzingen-Neuhausen/Glems
I. Einbettung
Schwerpunkt in Kl. 5: Wortschatzerweiterung (Schuljahr 2002/03)
Schwerpunkt in Kl. 6: Mündliche Interaktion (Schuljahr 2003/04)
Schwerpunkt in Kl. 7: Schriftliche Interaktion (Schuljahr 2004/05))
II. Sprachliche Voraussetzungen
Beim Sprechen ist vor allem bei Hauptschülerinnen und Hauptschülern eine Vereinfachung der Sprache zu beobachten. Beispiele:
a) Die Jungen tun spielen. - Das Mädchen tut lesen. – Die Kinder tun lernen.
à Durch Einfügung von „tun/tut“ steht das im Satz folgende Verb immer im Infinitiv, d. h. die Konjugationsformen der einzelnen Verben müssen nicht mehr angewandt werden und werden daher auch nicht mehr sicher beherrscht.
b) Der Film war geil. – Die Oma hat ein geiles Essen gekocht.
Du hast ein cooles T-Shirt. – Immer cool bleiben!
à
Die Verwendung sinnentleerter Adjektive
(z B.: geil, cool) führt zu einer semantisch reduzierten Ausdrucksweise.
c) Er ist älter wie du. Er ist so groß wie du.
à
Korrekte Verwendung von „als“ und „wie“ beim Komparativ.
d) Du sollst nicht bei Rot über die Ampel gehen. Du darfst nicht bei Rot über die Ampel gehen. Du musst nicht bei Rot über die Ampel gehen.
à Die Trennschärfe sinnverwandter Wörter wird nicht beachtet.
e) Meinem Freund sein Buch. Meiner Mutter ihre Hosen.
à
Der Genitiv stirbt aus! Auf Possessivpronomen wird verzichtet.
f) Der Mann wo da läuft …. - Das Kind wo da steht …
à
Wer Relativsätze mit „wo“ bildet,
braucht nicht darauf zu achten, dass das Relativpronomen in Genus und Numerus
mit dem Wort übereinstimmt, auf das es sich bezieht.
(Der Mann, der über die Straße lief,
wurde von einem Auto erfasst. – Das Kind, das da steht, geht in unsere
Klasse.) Wer nicht „rückbeziehen“ kann, hat auch beim
Schreiben Probleme Sätze aufeinander zu beziehen, bzw. entsprechend verbundene
Sätze zu dekodieren.
g) Wir leben in einer bildgestützten Informationswelt. Die jetzigen Erwachsenen haben noch ein anderes Verhältnis zwischen Bild und Text kennen gelernt.
à Kinder haben Probleme sich semantisch und syntaktisch korrekt auszudrücken.
h) Veränderte Kindheit: Berufstätige Eltern, Fernseher und Computer als Freizeitgestalter.
à
Man spricht weniger miteinander.
i) Präpositionen sind z. T. in ihrer Bedeutung nur unscharf oder gar nicht bekannt
III. Folgen für die Unterrichtsplanung in Kl. 6
a) Darauf achten, dass Satzkonstruktionen mit „tun/tut“ vermieden werden.
(Aushang im Klassenraum: „Tuten tut der Nachtwächter!“) – Einüben der Konjugationsformen von Verben.
b) Bewusstmachen, dass die häufige Verwendung von sinnentleerten Modewörtern
zwar zur Jugendsprache als Identifikationsmöglichkeit mit der Peergroup gehört,
aber auch zu einer Verarmung des Wortschatzes führen kann. Beide Aspekte
müssen deutlich
werden! à Wortschatzerweiterung
vor allem im Hinblick auf
Adjektive und Verben. (Praktische Umsetzungà Pfiffikus der Sprachgestalter,
Finken Vlg. Best. Nr. 2501. – Komplimente-Spiel, Ich-Poster, Einsame Insel:
Welche
Eigenschaften sollte der/die Begleiter/in haben?), Wortfeld, Wortfamilie
evtl. auf Plakaten à Hilfestellung beim Schreiben von Aufsätzen
|
è Beispiel für einen Fach-Wortschatz in Mathematik |
c) Übungen zum Komparativ: Er ist größer als ich. Er ist genauso alt wie ich.
d) Auf präzise Ausdrucksweise hinsichtlich der Trennschärfe von sinnverwandten
Wörtern achten, z. B. Übungen an Sätzen aus der Lebenswelt der Schülerinnen
und Schüler (z. B.: sollen - müssen – dürfen)
e) Übungen zur
Genitivbildung. Welches Possessivpronomen gehört zu
welcher Person? Das Buch meines Freundes. Die Hosen meiner Mutter.
f) Bezugnehmen mit dem richtigen Artikel. à Verwechslungsspiele
g) Versprachlichung eines Bildes: Zwei Sch. sitzen Rücken an Rücken, einer beschreibt ein Bild, der andere zeichnet es nach.
Bildgestützte Texte
werden intuitiv besser aufgenommen à Bild-Text-Angebote im Unterricht erhöhen.
Zum Lesen verlocken: à Feste Lesezeiten, Vorlesen, Freies Lesen (auch Comics als Einstieg zulassen), Vorlese-Marktplatz für andere Klassen gestalten, Buchvorstellungen, Besuch der Bibliothek, Eltern einbeziehen, Rhythmisches Lesen, Textartspezifisches Vorlesen (Märchen, Krimi, Gedicht, Nachrichten, …), Theaterbesuch …
h) Gezielt Gesprächsanlässe schaffen, Sprachübungen à sachangemessen und partnerbezogen sprechen, Bezug nehmen auf Vorredner, zuhören können, Gehörtes ausführlich oder zusammengefasst wiedergeben, Fragen erfassen und zielgerichtet beantworten, die eigene Meinung verständlich äußern und begründen, beim Thema bleiben …
Interaktionssituationen: Projekt Streitschlichter vorbereiten, Textinterpretationen durch Rollenspiele, Satzanfangsscheibe, Vermeiden von Ein-Wort-Sätzen, Weihnachtsspiel …
Sprechtheater, lustvolles Gebrauchen der Sprechwerkzeuge unter ungewohnten Bedingungen (Banane, Korken, Wassergurgeln, Instrumentenimitation …), Artikulationsübungen, Buchstaben lautieren, sprecherische Schwierigkeiten überwinden (Zungenbrecher), gerichtetes Sprechen im Raum, Auftreten und Präsentieren, Sätze modellieren („Ich spreche wie jemand, der aufgeregt ist, ängstlich ist, wie ein Pfarrer, Lehrer, Geist …)
i) Präpositionen durch Bewegungen im Raum erfahren
IV: Konzeptionelle Mündlichkeit – konzeptionelle Schriftlichkeit
Viele Hauptschülerinnen und Hauptschüler bleiben auch dann, wenn sie etwas schriftlich verfassen, konzeptionell bei der mündlichen Ausdrucksweise. Da das Sprechen und das Schreiben aber nicht nur medial, sondern auch konzeptionell verschieden sind, ergeben sich beim Schreiben viele Fehlerquellen, wenn die konzeptionelle Schriftlichkeit nicht eingeübt wird. Dies soll in der Planung für Kl. 7 berücksichtigt werden. Erst in diesem Alter sind die Schülerinnen und Schüler entwicklungsmäßig hinsichtlich ihres Abstraktionsvermögens dazu in der Lage. Die Vermittlung der konzeptionellen Schriftlichkeit ist in unserer schriftsprachlich geprägten Gesellschaft besonders wichtig.
Wichtige Aufsatzart
in Kl. 6: Erlebniserzählung
Die Erzählung ist konzeptionell eher mündlich. à Gefühle ausdrücken können, treffende Verben u. Adjektive verwenden, Spannung erzeugen, wörtliche Rede, Bezug nehmen, Zeitform Präteritum.
Grundlage dieser Zusammenstellung: Vortrag von Dr.
Martin Plieniger, Iréne
Greiner und Arbeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der Tagung der Sprachprojektgruppe am
15./16.9.2003 in Oberwolfach.
Helga Wolz, Konrektorin