„Buchvorstellung“
- ein Element des freien Sprechens
(von Rebekka Kübler, Juli 2004)
Um Schüler an das freie Sprechen heranzuführen, muss man ihnen Situationen anbieten, die für sie selbst und für die anderen von Bedeutung sind. Aufbauend auf das im fünften Schuljahr ritualisierte „Kind der Woche“, bei dem jeder Schüler in „seiner“ Woche die Möglichkeit hatte, den anderen etwas über sich zu berichten, wurde dieses Ritual modifiziert und auf die vorherrschenden Gegebenheiten der sechsten Klasse angepasst. Mit dem Vorstellen ihrer Lieblingsbücher fühlen sich die Schüler „auf ihrem Gebiet“ sicher, da sie Bücher wählen können, zu denen sie einen persönlichen Bezug haben und die für sie zum momentanen Zeitpunkt bedeutsam sind.
Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass alle Schüler ein Buch haben, welches sie vorstellen können. Deshalb wurde im Vorfeld einen Besuch in der Bücherei geplant, damit auch die Schüler, die noch kein Lieblingsbuch haben, die Möglichkeit haben, sich ein Buch auszusuchen. Jede Woche wurde ein Buch vorgestellt, das anschließend zum Ausleihen zur Verfügung gestellt wurde.
Um ihren Vortrag zu gestalten, wurden gemeinsam Kriterien erarbeitet, die den Vortrag informationsreich und interessant machen. Eine kurze schriftliche Vorbereitung, in Form eines Stichwortpapiers, konnte den Schülern bei der Vorbereitung ihres Vortrags helfen, Formulierungsschwierigkeiten zu überwinden. Eine anschließende Gesprächsrunde diente der Beantwortung von Fragen und sollte jedem einzelnen eine persönliche Rückmeldung geben. Die Buchvorstellung entspricht den Anforderungen nach sachangemessenen und partnerbezogenen Sprechanlässen[1] ([1] Vgl.: MKJS: Bildungsplan für die Hauptschule, S. 99) und schafft gleichzeitig ein Umfeld, das von Wertschätzung und Selbstverwirklichung geprägt ist.
Zu Beginn habe ich ein Plakat mit dem Titel „Wir stellen unsere Lieblingsbücher vor“ und mit Datum versehenen Buchbildern präsentiert, mit der Anmerkung, dass jedem Schüler ein Buch gewidmet ist. Nach der ersten Begeisterung fragten die Schüler nach, wie sie ihr Buch vorstellen sollten. Im Stuhlkreis wurden gemeinsam Kriterien und Möglichkeiten gesammelt, die ihnen bei der Vorstellung helfen könnten und es wurde ihnen das oben erwähnte Stichwortpapier zur Verfügung gestellt. Die Schüler hatten nun zwei Wochen Zeit um sich ein geeignet Buch auszusuchen und sich in die Liste einzutragen.
Zu Beginn der ersten Woche fand der oben erwähnte Büchereibesuch statt, sodass die Schüler genügend Zeit hatten eine geeignete Lektüre zu finden. Bei der ersten Buchvorstellung wurde der Titel und der Autor des Buches genannt, der Inhalt kurz zusammengefasst und eine ausgesuchte und geübte Stelle vorgelesen. Um die anschließende Fragen- und Feedback-Runde zu erleichtern, wurden Satzanfänge wie „Besonders gut hat mir gefallen, dass ...“ oder „Mir ist aufgefallen, dass...“ zur Verfügung gestellt, welche die Gesprächsrunde erleichterten.
Hauptkritikpunkt bei der ersten Buchvorstellung war, dass der Vorleseanteil zu lang war. Als Lösungsvorschlag überlegten die Schüler, ob sie den Vorleseanteil zeitlich begrenzen sollten. Mittlerweile hat es sich durchgesetzt, dass die Vorlesezeit auf fünf Minuten begrenzt wurde und der Vortrag durch typische Gegenstände oder Bilder ergänzt wird. Ein Schüler hat die Textsorte seines Buches in ein Rätsel verpackt, während ein anderer Schüler den Titel seines Buches pantomimisch darstellte.
Zum Ende des Schuljahres hat jeder Schüler neben der Klassenlektüre ein Buch gelesen und den Inhalt so formuliert, dass die Mitschüler ihn verstehen. Die Buchvorstellung ist nicht nur für den vortragenden Schüler eine wichtige Übung im freien Sprechen, sondern auch die Mitschüler haben die Aufgabe genau zuzuhören, um im anschließenden Gespräch Fragen zu stellen und sich an der Feedback-Runde beteiligen zu können, es wurde also parallel die Aufmerksamkeitsspanne der Schüler trainiert.
Zu Beginn der Buchvorstellungen waren die Beiträge kurz, die Informationen meist unstrukturiert, der verhältnismäßig hohe Leseanteil war meist willkürlich gewählt und auch die Rückfragen und Rückmeldungen an den Vortragenden waren anfangs von mangelhafter Qualität, da sie keine Verbesserungsvorschläge enthielten. Mittlerweile können die Schülern die Informationen zunehmend strukturiert und interessant gestalten. Durch die Begrenzung der Lesezeit gelingt es den Mitschülern zunehmend besser, dem ganzen Vortrag aufmerksam zu folgen und die Schüler wählen einen motivierenden Leseabschnitt aus. Dies macht sich auch in den Rückmeldungen und Fragen bemerkbar. Anfängliche wenig aussagekräftige Fragen wie „Wann hast du das Buch bekommen?“ oder „Wer hat es dir geschenkt?“ wurden nach und nach durch Fragen ersetzt, die den persönlichen Bezug zum Buch zum Ausdruck brachten. Die Schüler modifizieren ihre Beiträge von Woche zu Woche und gestalten ihre Beiträge zunehmend abwechslungsreicher und kreativer. Diese Veränderungen wurden nicht durch Vorgaben der Lehrerin erreicht, sondern durch die in der Feedback-Runde geäußerten Schülerbemerkungen. Die Schüler nahmen die Tipps der Mitschüler auf, probieren etwas Neues und wurden zunehmend sicherer im Vortragen. Dies hatte auch Auswirkungen auf die anderen Fächer. So gestalteten sie einen Teil des Unterrichts selbstständig, indem sie Kurzreferate vorbereiteten oder Rätselfragen zu ausgewählten Themen entwickelten.