Artikel im Reutlinger Generalanzeiger        Sparte: Neckar und Erms        Erscheinungsdatum:18.02.2003
 

            Lesen gegen die Sprachlosigkeit

Projekt Sprachförderung an der Uhlandschule in Neuhausen dient auch der Gewaltprävention

                         Von Julie-Sabine Geiger

                          Metzingen. (GEA) »Als Martina in die Schule kam, machte sie große
                          Augen. . .« Wie die Geschichte weitergeht, sollten sich die Fünftklässler
                          der Uhlandschule in Metzingen-Neuhausen selbst ausdenken und ihren
                          Mitschülern vorlesen. »Die Wörter-Werkstatt«, am Montagmorgen in
                          der Metzinger Bücherei mit der Autorin Sylvia Englert, ist eines der
                          Fächer im Projekt »Sprachförderung für Hauptschüler« an der
                          Uhlandschule in Neuhausen.

                          »Die auf fünf Jahre angelegte Sprachförderung wird die Schüler bis zu ihrem
                          Abschluss an der Uhlandschule begleiten«, erklärt Rektor Manfred Thiedemann.
                          Die Grund- und Hauptschule in Neuhausen ist eine von fünf Schulen im Land, an
                          der Schüler gezielt ans Lesen herangeführt werden, um sprachliche Fähigkeiten zu
                          erlangen. »Das war bereits ein Jahr vor der Pisa-Studie geplant«, gibt Thiedemann
                          zu bedenken. Beteiligt sind neben den Lehrern an den fünf Schulen die
                          Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd und das Staatliche Seminar in
                          Nürtingen für angehende Lehrer.

                        Verstehen, was man liest

                          »Wer nicht versteht, was er liest, kann weder Matheaufgaben lösen, noch dem
                          Geografie-Unterricht folgen«, macht Helga Wolz, die Konrektorin an der
                          Uhlandschule am Beispiel deutlich. Seit Jahren müssen die Lehrer zur Kenntnis
                          nehmen, dass die sprachlichen Fähigkeiten ihrer Schüler abnehmen. Das sei nicht
                          nur am auf ein Minimum geschrumpften Wortschatz hörbar. Etliche wissen mit
                          dem Begriff »jemanden mustern« nichts anzufangen. »Dieses Defizit hat fatale
                          Folgen«, stellt Thiedemann fest und erläutert: »Wer der deutschen Sprache nicht
                          mächtig ist, hat nicht nur Kommunikationsprobleme, er versteht auch keine Texte.«

                          Das betrifft weder nur den Deutschunterricht, noch Schüler aus Familien
                          ausländischer Herkunft. »Die sind ein Sonderfall«, betont der Rektor. Er setzt das
                          Lesen gegen die Sprachlosigkeit. Das wird nicht etwa von den Lehrern verordnet,
                          sondern häppchenweise als gesellschaftliches Ereignis mit Spaßfaktor angeboten.
                          Mit Erfolg, wie der »Lese Club« in der Bücherei in der Kalebskelter zeigt, in dem
                          Heike Deigendesch Kindern ab neun Jahren Geschichten vorliest. Ein Service, den
                          Großmütter heute nur noch selten zuhause bieten. »Weil's die Familie mit der
                          Großmutter heute kaum noch gibt«, wirft Helga Wolz ein.

                        Genau hinhören

                          Dabei hilft das Team aus Lehrern der Uhlandschule und Eva Eckstein von der
                          Metzinger Stadtbücherei mit dem Lese- und Vorleseangebot nicht nur der
                          Sprachlosigkeit auf die Sprünge. »Wir haben eine ganze Profillinie erarbeitet«,
                          erläutert Manfred Thiedemann. In der nimmt das Sprachprojekt eine gewichtige
                          Stellung ein. Weitere Säulen sind die Förderung der Friedensfähigkeit. »Dafür
                          haben wir über den Freundeskreis der Uhlandschule Geld von der
                          Robert-Bosch-Stiftung bekommen«, erzählt Helga Wolz. Sprachlosigkeit führt zu
                          Gewalt. Wer sich nicht artikulieren kann, schlägt zu. »Wir hören da als Lehrer
                          genau hin,« macht sie deutlich. »Vernehmen wir ein »halt die Fresse«, weisen wir
                          darauf hin, dass das auch anders formuliert werden kann.« In diesem Kontext steht
                          auch die Streitschlichter-Ausbildung der Siebtklässler, die sie in ihrer Projektwoche
                          bekommen sollen.

                          Dritter Baustein der Sprachförderung ist die Medienerziehung. Thiedemann: »Wer
                          die Begriffe im Internet nicht versteht, kriegt da auch keine Information raus.«
                          Zudem bietet Eva Eckstein Klassenführungen in der Metzinger Bücherei an. Damit
                          sich die Schüler hier auskennen »und heimisch fühlen«. Für viele sei das die
                          Initialzündung, Kontakt zu Büchern zu kommen.

                          Schließlich die »Wörter-Werkstatt« mit Sylvia Englert, der Autorin des
                          gleichnamigen Buches, wo Fantasie und Sprachfähigkeit am praktischen Beispiel
                          spielerisch gefördert werden: Für die Fünftklässler kommt zur Erfahrung im
                          Umgang mit der Sprache das Vergnügen des Ausfluges in die Bücherei dazu.

                          »Wir können als Lehrer nichts Neues erfinden«, bekennt Manfred Thiedemann.
                          »Es zeigt sich dennoch nach sechs Monaten, dass wir die Aufmerksamkeit der
                          Schüler lenken und ihnen Anlässe zum Sprechen bieten können.«
 
 

Artikel im Volksblatt zum Fach Deutsch
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