Lesen gegen die Sprachlosigkeit
Projekt Sprachförderung an der Uhlandschule in Neuhausen dient auch der Gewaltprävention
Von Julie-Sabine Geiger
Metzingen. (GEA) »Als Martina in die Schule kam, machte sie große
Augen. . .« Wie die Geschichte weitergeht, sollten sich die Fünftklässler
der Uhlandschule in Metzingen-Neuhausen selbst ausdenken und ihren
Mitschülern vorlesen. »Die Wörter-Werkstatt«, am
Montagmorgen in
der Metzinger Bücherei mit der Autorin Sylvia Englert, ist eines der
Fächer im Projekt »Sprachförderung für Hauptschüler«
an der
Uhlandschule in Neuhausen.
»Die auf fünf Jahre angelegte Sprachförderung wird die
Schüler bis zu ihrem
Abschluss an der Uhlandschule begleiten«, erklärt Rektor Manfred
Thiedemann.
Die Grund- und Hauptschule in Neuhausen ist eine von fünf Schulen
im Land, an
der Schüler gezielt ans Lesen herangeführt werden, um sprachliche
Fähigkeiten zu
erlangen. »Das war bereits ein Jahr vor der Pisa-Studie geplant«,
gibt Thiedemann
zu bedenken. Beteiligt sind neben den Lehrern an den fünf Schulen
die
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd und das Staatliche
Seminar in
Nürtingen für angehende Lehrer.
Verstehen, was man liest
»Wer nicht versteht, was er liest, kann weder Matheaufgaben lösen,
noch dem
Geografie-Unterricht folgen«, macht Helga Wolz, die Konrektorin an
der
Uhlandschule am Beispiel deutlich. Seit Jahren müssen die Lehrer zur
Kenntnis
nehmen, dass die sprachlichen Fähigkeiten ihrer Schüler abnehmen.
Das sei nicht
nur am auf ein Minimum geschrumpften Wortschatz hörbar. Etliche wissen
mit
dem Begriff »jemanden mustern« nichts anzufangen. »Dieses
Defizit hat fatale
Folgen«, stellt Thiedemann fest und erläutert: »Wer der
deutschen Sprache nicht
mächtig ist, hat nicht nur Kommunikationsprobleme, er versteht auch
keine Texte.«
Das betrifft weder nur den Deutschunterricht, noch Schüler aus Familien
ausländischer Herkunft. »Die sind ein Sonderfall«, betont
der Rektor. Er setzt das
Lesen gegen die Sprachlosigkeit. Das wird nicht etwa von den Lehrern verordnet,
sondern häppchenweise als gesellschaftliches Ereignis mit Spaßfaktor
angeboten.
Mit Erfolg, wie der »Lese Club« in der Bücherei in der
Kalebskelter zeigt, in dem
Heike Deigendesch Kindern ab neun Jahren Geschichten vorliest. Ein Service,
den
Großmütter heute nur noch selten zuhause bieten. »Weil's
die Familie mit der
Großmutter heute kaum noch gibt«, wirft Helga Wolz ein.
Genau hinhören
Dabei hilft das Team aus Lehrern der Uhlandschule und Eva Eckstein von
der
Metzinger Stadtbücherei mit dem Lese- und Vorleseangebot nicht nur
der
Sprachlosigkeit auf die Sprünge. »Wir haben eine ganze Profillinie
erarbeitet«,
erläutert Manfred Thiedemann. In der nimmt das Sprachprojekt eine
gewichtige
Stellung ein. Weitere Säulen sind die Förderung der Friedensfähigkeit.
»Dafür
haben wir über den Freundeskreis der Uhlandschule Geld von der
Robert-Bosch-Stiftung bekommen«, erzählt Helga Wolz. Sprachlosigkeit
führt zu
Gewalt. Wer sich nicht artikulieren kann, schlägt zu. »Wir hören
da als Lehrer
genau hin,« macht sie deutlich. »Vernehmen wir ein »halt
die Fresse«, weisen wir
darauf hin, dass das auch anders formuliert werden kann.« In diesem
Kontext steht
auch die Streitschlichter-Ausbildung der Siebtklässler, die sie in
ihrer Projektwoche
bekommen sollen.
Dritter Baustein der Sprachförderung ist die Medienerziehung. Thiedemann:
»Wer
die Begriffe im Internet nicht versteht, kriegt da auch keine Information
raus.«
Zudem bietet Eva Eckstein Klassenführungen in der Metzinger Bücherei
an. Damit
sich die Schüler hier auskennen »und heimisch fühlen«.
Für viele sei das die
Initialzündung, Kontakt zu Büchern zu kommen.
Schließlich die »Wörter-Werkstatt« mit Sylvia Englert,
der Autorin des
gleichnamigen Buches, wo Fantasie und Sprachfähigkeit am praktischen
Beispiel
spielerisch gefördert werden: Für die Fünftklässler
kommt zur Erfahrung im
Umgang mit der Sprache das Vergnügen des Ausfluges in die Bücherei
dazu.
»Wir können als Lehrer nichts Neues erfinden«, bekennt
Manfred Thiedemann.
»Es zeigt sich dennoch nach sechs Monaten, dass wir die Aufmerksamkeit
der
Schüler lenken und ihnen Anlässe zum Sprechen bieten können.«
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