Erscheinungsdatum: Dienstag, 22.02.2011

 

"Ich kenne keinen Hass"

Zog die Schüler in Neuhausen in ihren Bann: Rachel Dror.
Foto: Rena Weiss      Quelle: www.swp.de

Neuhausen.  Die achte und neunte Klasse der Uhlandschule Neuhausen durfte an den Lebenserinnerungen der jüdischen Zeitzeugin Rachel Dror teilhaben. Die 90-Jährige erlebte den Nationalsozialismus.

Rund 45 Schüler werden von einer kleinen, 90 Jahre alten Frau begrüßt. Vor ihnen steht eine starke und ehrliche Frau, Rachel Dror, die mit ihrer offenen und unverblümten Art die Schüler in ihren Bann zieht. Rachel Dror wurde 1921 in Ostpreußen geboren und erlebte den Nationalsozialismus in ihrer Jugend. Jener Jugend, in der eigentlich alle Möglichkeiten offen sein sollten, nicht so für Dror.
Sie erklärt zu Beginn ihrer Geschichte, dass sie nicht gekommen sei, um mit "erhobenem Zeigefinger nach Schuldigen zu suchen", sondern weil sie den Jugendlichen die Möglichkeit bieten wolle, sich selbst eine Meinung zu bilden. Sie beginnt ihre Lebensgeschichte mit ihren Großeltern, die ihren sechs Kindern deutsche Namen und keine jüdischen gaben, sie wollten dadurch Schwierigkeiten vermeiden. "Wer mit offenen Augen durchs Leben ging, wusste schon vor 1933, dass etwas passiert".
Drors Vater meldete sich freiwillig für das Deutsche Militär und erhielt sogar Auszeichnungen. Rachel Dror nimmt vorweg, dass er, obwohl er ehrenhaft gedient hat, trotzdem in Auschwitz gelandet sei. In solchen Momenten, in denen man Trauer oder Wut erwartet, bleibt Dror ganz ruhig, "Was mir geblieben ist vom dritten Reich ist eine Gefühllosigkeit."

Dror und ihr 1924 geborener Bruder erlebten zunächst eine glückliche Kindheit ohne Sorgen, doch von heute auf morgen änderte sich ihr Leben. Es begann damit, dass Dror einen guten Freund nicht mehr sehen durfte, die Begründung ihrer Mutter: "Weil du Jüdin bist." Weiter ging es in der Schule, in der sie und die anderen Juden hinten sitzen mussten. Nach einem halben Jahr erhielten ihre Eltern einen blauen Brief, in dem stand, dass ihre Tochter die Schulziele nicht mehr erreicht und von der Schule genommen wird. Vom Gymnasium kam Rachel Dror dann in die Mittelschule (die heutige Realschule). Auch dort ging es Dror nicht besser. Durch Prügelstrafe gepeinigt, entschloss sie sich, nie wieder in eine Schule zu gehen. Schon damals war Dror nicht auf den Mund gefallen und sie erklärt, "wenn mein Vater mich gezwungen hätte, wäre ich davon gelaufen."

Dror startete eine Schneiderlehre, nach eineinhalb Jahren bekam sie allerdings eine Rippenfellentzündung und durfte nicht mehr lange sitzen und sollte im Freien arbeiten. Rachel Dror kam nach Hamburg und durfte dort in einer Gärtnerei arbeiten. Hamburg war, wie sie sagt, "noch sehr frei, wenn man es mit dem braunen Königsberg vergleicht".
Dror war begeisterte Opernbesucherin und genoss die Zeit in Hamburg, wo sie diese auch noch besuchen durfte. Als sie am 8. Oktober 1931 von einem Opernbesuch nach Hause kam, war das Haus leer. Die Hausherrin erklärte "die wurden heute alle abgeholt, die kommen in eine Stadt nur für Juden". Später wurden alle Männer von SA-Offizieren durch die Stadt geschleift. Wer hinfiel wurde geschlagen oder einfach weiter gezerrt. "Wer behauptet, er wusste von nichts, der tut mir Leid, weil er wohl Alzheimer hatte. Man konnte es überall sehen", so Dror.

Als im November die Synagogen angezündet wurden, holte ihr Vater Dror nach Königsberg zurück. Zurück in ihrer Heimat erwartete sie eine verängstigte Mutter und ein verstörter Bruder. Rachel Dror beschloss, Deutschland zu verlassen und zu ihrer Tante nach Palästina zu gehen. Ein Jahr später gelang es Dror mit dem letzten legalen Schiff von Italien nach Palästina zu reisen. Ihr Bruder wurde später von Engländern gerettet, ihre Eltern starben 1944 im Konzentrationslager Auschwitz. Während Dror in Palästina ein weitestgehend normales Leben führte, erfuhr sie erst 1952 durch Zufall vom Tod ihrer Eltern. Als sie mit ihrem Mann ausging, traf sie ein altes Ehepaar, dass Dror erkannte und ihr vom Schicksal ihrer Eltern berichtete. Während ihr Vater für arbeitstauglich befunden wurde, sollte ihre Mutter vergast werden. Doch ihrem Vater war klar "dort, wo seine Frau hingehe, da werde auch er hingehen" - und so starben beide in Auschwitz.

Trotz des Leids, den sie, ihre Familie und all die anderen Betroffenen erleben mussten, verspürt Dror keinen Hass. "Mit Hass kann man nichts ändern. Selbst wenn ich wüsste, wer meine Eltern getötet hat, würde ich sie nicht hassen, denn sie waren und sind krank, und kranke Menschen kann man nicht hassen." Nach vielen Jahren in Palästina entschloss sich Rachel Dror, mit ihrem Mann zurück nach Deutschland zu ziehen. Seitdem lebt sie in Stuttgart und besucht Schulen als Zeitzeugin des Nationalsozialismus. Das Landesinstitut für politische Bildung und der Freundeskreis der Uhlandschule mit dem Vorsitzenden Christian Stock haben es schon zum zweiten Mal ermöglicht, dass Rachel Dror ihre Geschichte den Schülern berichten kann.

"Es ist wichtig, dass junge Leute diese Schicksale hören, denn was haben sie heute? Es ist ihre Aufgabe, heute nicht wegzuschauen und, wenn etwas passiert, zu helfen!" Rachel Dror ist eine beeindruckende Frau, die positiv durch das Leben geht, "ich sehe mich nicht als Opfer, sondern als Mensch". Deswegen ist es ihr auch möglich, die andere Seite zu betrachten. In ihren Vorträgen zitiert sie aus Büchern von Martin Berger, einem Hitlerjungen. Es ist ein leichtes die Täter nur als Täter zu betrachten und zu verurteilen, "doch be- und verurteilen kann man einen Menschen erst, wenn man ihn auch kennt".