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Erscheinungsdatum 22.02.2011;Formularende Lokalteil Neckar + Erms

Zeitzeugin - Rachel Dror berichtet Uhlandschülern in Neuhausen, was es in der Nazizeit hieß, Jüdin zu sein

Geblieben ist Gefühllosigkeit

Mucksmäuschenstill ist es in der Uhlandschule in Neuhausen, als Rachel Dror aus ihrem Leben als Jüdin berichtet.

Mucksmäuschenstill ist es in der Uhlandschule in Neuhausen, als Rachel Dror

aus ihrem Leben als Jüdin berichtet.    FOTO: Patricia Kozjek

VON PATRICIA KOZJEK

METZINGEN-NEUHAUSEN. Lebende Zeitzeugen sind rar und kostbar. »Geschichte sollte man nicht nur aus Geschichtsbüchern und Filmen kennenlernen«, findet die Rektorin der Uhlandschule Neuhausen, Helga Wolz. Ein Grund mehr, die Zeitzeugin Rachel Dror im Rahmen des Geschichtsunterrichts der achten und neunten Klasse in die Schule einzuladen. Und wie immer, wenn die 90-jährige hellwache Frau und willensstarke Persönlichkeit zu reden beginnt, ist es mucksmäuschenstill.

Das Alter scheint an ihr vorübergegangen zu sein. Nicht aber Erlebtes. Letzteres scheint im Gedächtnis festgebrannt, als sei es gestern geschehen. Ihre Worte sind klar und eindrücklich, man wagt kaum zu atmen, um nichts zu verpassen. Die Jüdin missioniert nicht, genauso wenig erhebt sie den Zeigefinger, beides liegt ihr fern.
»Durch Aufklärung und Verständnis möchte ich Akzeptanz erreichen«. Denn: »Sie sind nicht schuld an meiner Geschichte, Sie haben damals nicht gelebt«, begrüßt sie die vielen Schüler und beginnt zu erzählen. »Wer mit wachen Augen durchs Leben ging, hat nicht erst 1939 erfahren, dass es ein Drittes Reich gibt«.
Trotzdem, so sagt sie, habe sie »als Kind eine schöne Jugend gehabt, mit politischen Dingen haben die Eltern uns nicht belastet«. Kein sehr braves Kind sei sie gewesen, eher die Sorte »Enfant terrible«. Einen eigenen Kopf habe sie immer schon gehabt und laut gesagt, was sie denke oder meine, lacht die 1921 in Königsberg (Ostpreußen) Geborene. Vielleicht hat auch diese Eigenschaft die zierliche mutige Frau vor Schlimmerem in Zeiten katastrophaler Not bewahrt. Manches Mal sicherlich auch in Gefahr gebracht.

Was sich »von gestern zu heute verändert« hat, hat sie als junger Mensch, so kurz vor Kriegsbeginn, nicht verstanden. »Du bist Jüdin und hast Dich so zu verhalten!«, seien die einst für sie so unverständlichen Worte der Mutter gewesen. »Am 28. Oktober 1938 kam ich als 17- Jährige nach Hause und fast das ganze Haus war leer, wir hatten nichts mehr«. »Die sind heute abgeholt worden«, sagte man ihr und sprach dabei nicht von den Gegenständen allein. »Was ich in Zeiten danach sah, könnte ich Ihnen heute noch malen«, erinnert sie sich beispielsweise an menschliches Elend eines Massenlagers. »Wenn Menschen heute noch sagen, sie hätten nichts gesehen und gehört, dann haben sie Alzheimer und tun mir leid - so viel Dummheit auf einmal gibt es nicht!« Brutale Gewalt seitens der Nazis spielte sich mitten im Leben, ja auf der Straße ab. Der Rest hinter ledergefütterten, schalldichten Türen. »Die Schwalben haben's regelrecht von den Telefondrähten gepfiffen«, zumindest denen, die weggeschaut haben, erzählt sie aus der Zeit des Naziregimes. »Menschen wurden grundlos geschlagen, gefoltert und behandelt wie Dreck Ein »Saujud'« landete im Ofen.
Reichlich Grausames ist auch ihrer eigenen Familie widerfahren. Sie berichtet sachlich und emotionslos. »Mein Bruder stottert heute noch, wenn er darauf angesprochen wird »Ich habe 89 Angehörige verloren, ich wollte leben«, wirft sie mit aller Bestimmtheit in den Klassenraum und nicht einer der Anwesenden hat wohl Zweifel daran.
Die Eltern wurden 1945 in Auschwitz vergast. Dass ihr Vater »freiwillig« in die Gaskammer ging, weil die damals erkrankte Mutter von den Nazis »für den Ofen« bestimmt war, hat sie erst 1952 in Palästina erfahren. Dorthin ausgereist ist sie 1939.

»Wenn ein ganzes Volk sich gewehrt hätte, wäre das nicht passiert«

 

»Vater konnte Mutter nicht dazu überreden, sonst hätten sie überlebt«, glaubt sie. »Wenn ein ganzes Volk - das sind wir! - sich damals gewehrt hätte, wäre das nicht passiert«. Das ist ihre feste Überzeugung. In Palästina ist Dror zum Polizeidienst gegangen, »die Chance in Uniform zu überleben, war größer und gab Rückgrat«. Später ist die Jüdin erste Polizistin des neu gegründeten Staates Israels geworden.
Was ist geblieben vom sogenannten Dritten Reich? »Gefühllosigkeit, ich spüre nichts«, lautet ihre knappe Antwort. Weinen könne sie nur vor Wut, aber nicht aus Trauer. »Dass ich das so erzählen kann, ist nicht normal, nur dadurch kann ich diese Dinge weitergeben«, weiß die in Stuttgart lebende Zeitzeugin. »Es ist Ihre Aufgabe nicht wegzuschauen, nicht alles hinzunehmen und zu helfen«, gibt sie den Schülern mit. »Passen Sie auf, dass Ihnen solche Dinge niemals widerfahren und Sie sich Menschen gegenüber nie so verhalten (GEA)