Erscheinungsdatum: 07.07.2010
Neuhausen.
"Saua, roifla, schbrenga, wetza, kräbsla. . ." stand zwei Tage lang an der Tafel, an
der sonst nur Hochdeutsches steht.
Es war ein Projekt der ganz besonderen Art, das allen Beteiligten großen Spaß
machte.
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Mundart-Lesung
der Schüler auf Schwäbisch. Foto: Privat |
Zwei Projekttage lang ging es an
der Uhlandschule um den schwäbischen Dialekt. Die Mundartdichterin Petra
Zwerenz kam - unterstützt vom "Förderverein schwäbischer Dialekt
Tübingen" - als Referentin in die dritten Klassen der Uhlandschule
Neuhausen. Anlass war eine thematische Einheit zum Heimatdialekt.
Petra Zwerenz las aus dem
Manuskript ihres neuen Buchs "A Fraind auf vier Pfoda" vor. Es handelt von Kalle, dem Mischlingshund
und seinem Leben auf dem Bauernhof. Sie las und erzählte in einem Schwäbisch,
das überaus anschaulich und anheimelnd klang. Es war ein Vergnügen, ihrem
lebendigen Vortrag zu lauschen und sich auf die lebhaften Bilder einzulassen,
die vor dem inneren Auge des Zuhörers entstanden. Sie erzählte in einer
wahrhaft sinnlich emotionalen Sprache, die die Gefühlswelt der Kinder intensiv
ansprach. Entsprechend gebannt lauschten sie.
Anschließend sollten die beiden
Klassen unter der Leitung ihrer Lehrkräfte Edith Reusch und Frank Letsche selbst Parallelgeschichten über das eigne
Lieblingstier aufschreiben. Wer solch ein Ziel hat, der muss schwäbische Wörter
kennen. Hier half ein Wörtersteinbruch mit
schwäbischen Wörtern an der Tafel und das "Schwäbische
Handwörterbuch" von Hermann Fischer. Wer schwäbisch schreiben will, muss
nicht nur die richtigen Wörter kennen, er muss auch wissen, wie man diese
Wörter schreibt. Wer verstanden hatte, dass jedem Laut auch ein Buchstabe oder
eine Buchstabenkombination zugeordnet ist, tat sich leicht: Man schreibt wie
man spricht. Es gibt keine Ausnahmeregeln, die man erst mühsam erlernen muss.
Auch die Grammatik folgt in
schwäbischen eigenen Regeln. Hier ein Beispiel zum schwäbischen
Relativpronomen: "Dr Mo wo an dr Haltestell gstanda
isch, isch etzt nemme do." Oder zum
schwäbischen Genitiv: "Em Karl Heinz seinr Dode ihra
Schwägere ihr Fahrrad. . .".
Im Schwäbischen gibt es auch nicht so viele Zeitformen: Die Gegenwart wird für
alles verwendet was "jetzt isch" und
"was no sei wird". Und die Vergangenheit wird mit der vollendeten
Gegenwart gebildet: Dirla hend
gfrässa, send kräbsled ond gsaued ond
hend mit Nussa gschmissa. Warum sieht der Bildungsplan vor, dass man sich
in der Schule auch mit dem Heimatdialekt beschäftigt? "Ist das nicht
Zeitverschwendung?" fragten sich manche Eltern. Sollte man die Zeit nicht
lieber nutzen, um die "Hoch"-sprache zu
erlernen? Die Antwort ist einfach. Sie hat etwas mit dem Selbstwertgefühl der
schwäbischen Kinder zu tun und mit ihrem Verständnis für Sprache als
individuelle kulturelle Ausdrucksform. Alle, die bisher glaubten, dass der
Dialekt ein "falsches Hochdeutsch" sei, wurden eines Besseren
belehrt. Diese Erkenntnis ist für alle Kinder wichtig, deren Muttersprache ein
Dialekt ist. Für sie ist das Hochdeutsche zunächst die Sprache der Anderen, der
scheinbar Intelligenteren. Unzweifelhaft ist es wichtig und daher Ziel der
Schulbildung, die Hochsprache zu kennen und zu beherrschen, denn nach ihr
richtet sich die Rechtschreibung, in ihr werden alle offiziellen Texte
geschrieben. Aber es ist auch wichtig, um die Bedeutung und die Wertigkeit des
eigenen Dialekts zu wissen. Wer schwäbisch spricht, spricht kein
"falsches" Deutsch, sondern einen eigenständigen Dialekt.
Entsprechend stolz präsentierten die Drittklässler ihre eigenen Texte bei einer
Lesung für die Eltern.