Metzinger-Uracher Volksblatt am 26.06. 2008:

Kinder lernen voneinander
Kindergärten und Uhlandschule kooperieren im landesweiten Modell

Das Projekt "Bildungshaus 3-10" ist für alle Beteiligten eine spannende Angelegenheit.
Foto: Anna Maria Tieck

Das "Bildungsprojekt 3-10" hielt zu Beginn des Schuljahres Einzug in der Uhlandschule. Nun will man mit der wissenschaftlichen Begleitung beginnen. Rektorin Helga Wolz lud zur Auftaktveranstaltung.
 
ANNA MARIA TIECK
 
Neuhausen Die Schule soll ein Ort sein, auf den sich Kindergartenkinder freuen können. Das Projekt "Bildungshaus 3-10" öffnet die Türen für eine gemeinsame Arbeit zwischen Kindergärten und Schulen. Landesweit gibt es 33 Modelle des "Bildungshauses 3-10" - die Neuhäuser Uhlandschule ist ein Teil des Projekts.
 
Seit Beginn des Schuljahres treffen 56 Kindergartenkinder aus vier Neuhäuser und dem Glemser Kindergarten in Neuhausen auf die ersten und zweiten Klassen der Uhlandschule. Das Ziel der Kooperation ist es, einen gleitenden Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu schaffen. Außerdem sollen alle Beteiligten, im Vordergrund natürlich die Kinder, voneinander und miteinander lernen. Die Kindergartenkinder sollen aber keineswegs in die Schule eingeführt und die Grundschüler sollen auch nicht wieder in die Kindergartenzeit zurück versetzt werden.
 
In den zwei Stunden jeden Donnerstag, werden sprachliche und soziale Kompetenzen, motorische Fähigkeiten, Wahrnehmung und logisches Denken, sowie Sinnes- und Werteschulung vermittelt.
 
Da das Projekt nun vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) wissenschaftlich begleitet wird, lud Schulleiterin Helga Wolz am Dienstag zu einer Auftaktveranstaltung, bei der die Lehrer und Erzieherinnen auch von ihren Erfahrungen berichten konnten. Neben den Elternvertretern der Schule und der Kindergärten nahmen auch Schulamtsdirektor Horst Erdmann, Eckehart Lauk vom Regierungspräsidium Tübingen sowie Metzingens Oberbürgermeister Dieter Hauswirth, der stolz ist, dass die Uhlandschule die Chance hat, an dem Modell mitzuwirken, an der Veranstaltung teil.
 
"Das Projekt leistet eine Pionierarbeit. Es birgt die Chance, etwas Neues zu schaffen, aber auch das Risiko, dass man scheitert", sagt Schulamtsdirektor Erdmann. Die Finanzierung des Projekts ist auf vier Jahre ausgelegt.
 
Dann sollte eine positive Zwischenbilanz vorliegen, die entscheidet, ob das Projekt weitergeführt wird oder nicht. Die wissenschaftliche Untersuchung erfolgt auf allen Ebenen: Kinder, Erzieher, Lehrer und auch Eltern werden in die Auswertung miteinbezogen. Anhand von Diagnoseblättern zu Beginn des Schuljahres und am Ende werden die "Leistungen" der Kinder beurteilt.
 
"Wir wollen Eindrücke sammeln und sie strukturieren. Dazu gehört, dass wir den Weg zusammen gehen und wir die Lehrer und Erzieher unterstützen", erklärt Michael Fritz, Geschäftsführer der ZNL. "Zwischen der Schule, den Kindergärten und dem Transferzentrum muss man eine langfristige Partnerschaft aufbauen. Das Kultusministerium unterstützt die Lehrkräfte und Erzieher zusätzlich mit Fortbildungen und Akademiekursen, damit wir die Ziele erarbeiten und erreichen können", fügt Fritz hinzu. Zusätzlich wird einmal im Monat eine Fachkraft der ZNL in die Schule kommen und den Lehrern und Erziehern zur Seite stehen. "Die Fachkräfte haben auch die Aufgabe, Aufklärungsarbeit bei den Eltern zu leisten. "Die Eltern sollen sich sicher fühlen", so Fritz, "sie sollen wissen, für was wir die Daten ihrer Kinder verwenden, denn nur so können wir eine Basis des Vertrauens schaffen."
 
Die Untersuchungen umfassen auch einen regelmäßigen Vergleich mit Schulen, die nicht an diesem Projekt beteiligt sind. "Wir wollen einfach beobachten, ob die Kinder wegen der Zusammenführung benachteiligt sind", schildert Fritz den Beteiligen.
 
Bis jetzt können die Erzieherinnen Katja Stanger, die als Projektkoordinatorin der Kindergärten fungiert, und Susanne Boss die Bedenken über eine Benachteiligung widerlegen. "Es ist ein tolles Miteinander und ein gegenseitiges Voneinander-Lernen. Die Kinder werden bei Sport und auch Spiel geistig und körperlich gefordert. Außerdem entwickeln sie mehr Handlungsfähigkeit, denn sie bekommen Verantwortung und die müssen sie auch ausführen", schildert Stanger ihre Erfahrungen. Das gemeinsame Lernen erfolgt hauptsächlich über Projektthemen. Im Moment, da dies auch das Thema des Kinderstraßenfestes ist, beschäftigen sich die Kinder mit dem Zirkus. Sie singen, basteln, hören Geschichten, die sie nachspielen sollen, und helfen sich gegenseitig.
 
Allerdings gibt es auch einige kleinere Schattenseiten. Gerade die kleineren Kindergartenkinder, die Drei- bis Vierjährigen, würden noch auf eine ganz andere Art lernen, wie Schüler der dritten und vor allem der vierten Klasse, wirft Birgit Pfister vom evangelischen Landesverband ein.
 
Das kann Sarah Schilling vom Kindergarten in der Wolfgrubstraße nur bestätigen. "Die jüngeren Kindergartenkinder sind teilweise überfordert. Sie haben nicht immer Lust auf die Zusammenarbeit mit den älteren Kindern und wollen lieber frei spielen", erklärt Schilling. Michael Fritz sieht das als kleinen Missstand ein. "Die Kinder sollen nicht missbraucht oder gezwungen werden", stellt er klar.
 
Bis jetzt scheint das Projekt aber sehr vielversprechend zu sein. In Baden-Württemberg hat das "Bildungshaus 3-10"-Modell einen Pilotcharakter. Bei erfolgreichem Abschluss wird das bundesweit eingerichtet.
 


Erscheinungsdatum: Donnerstag 26.06.2008
Quelle: http://www.suedwest-aktiv.de/