Reutlinger Generalanzeiger am 26.06.
2008
Pilotprojekt - »Bildungshaus« der
Uhlandschule zieht eine erste Bilanz und wird ab Herbst wissenschaftlich
begleitet
Auch Große lernen von Kleinen
VON ARNFRIED LENSCHOW
METZINGEN-NEUHAUSEN. »Was ist denn jetzt
los?«, fragt der kleine Junge, als plötzlich ein
Dutzend Erwachsener im Klassenraum steht. Und wenn schon, wäre ihm statt
Metzingens Oberbürgermeister Dieter Hauswirth und
einer ganzen Reihe Lehrer und Erzieher, die sich in Neuhausen vor Ort über das
Uhlandschulen-Projekt Bildungshaus austauschten und dabei auch einen Blick in
die Praxis taten, jemand anders als Gast viel lieber gewesen: Bundeskanzerlin Angela Merkel. Aber mit der Auskunft, dass
die ja bei der deutschen Fußball-Nationalelf in die Kabine muss, gibt er sich
zufrieden. Und widmet sich wieder dem Thema Zirkus, das für die gemeinsame
Stunde von Kindergartenkindern und Grundschülern ausgewählt wurde.
Da dürfen die Tiere
aufmarschieren, und sich links, rechts, hinter oder vor dem Zirkusdirektor
platzieren. Und schon haben die Kleinen etwas über räumliche Beziehungen und
Bezeichnungen gelernt, und die Größeren, wie sie den kleineren Kindern helfen
können, als Mini-Pädagogen. Wobei es auch mal umgekehrt sein kann. Was durchaus
gewollt ist.
Dieser Grundgedanke des gegenseitigen Helfens ist auch nebenan zu spüren, wo
Lehrer Jan Lübbemann die Kinder auf der Gitarre begleitet zum Lied »Alle Kinder
lernen lesen«, zur Melodie des Gospel-Standards »Glory,
Glory, Halleluja«. Spielerisch nähert man sich dem
Alphabet. Denn Lust und Laune aufs Lernen zu machen, das steht hinter allem.
»Die Kinder sollen in die Schule kommen wollen, sie als etwas Freudvolles
erleben«
Das Bildungshaus in Neuhausen ist ein Pilotprojekt, das mit dem Schuljahr
2007/08 in Angriff genommen wurde. Die Uhlandschule ist eine von 20 im Land,
die sich daran beteiligen und dazu mit fünf Kindergärten zusammenarbeitet. 3,7
Millionen Euro stellt das Land für alle Projektteilnehmer zur Verfügung.
Kindergartenkinder und Grundschüler sollen voneinander und miteinander lernen.
Das Stichwort heißt Verzahnung. Ziel ist es, einen gleitenden Übergang vom
Kindergarten in die Grundschule zu schaffen. »Es sollte so sein, dass
Kindergartenkinder in die Schule kommen wollen, dass sie Schule als etwas Freudvolles
erleben«, sagt Helga Wolz, die Rektorin der
Uhlandschule.
Schulamtsdirektor Horst Erdmann spricht in diesem Zusammenhang von der
Schaffung eines Systems »aus einem Guss«. Eine Pionierarbeit, bei der es die
Chance gebe, Neues zu schaffen, aber auch Fehler erlaubt seien. Er sieht das
Bildungshaus als drittes Erneuerungspaket in Baden-Württemberg, nachdem
zunächst das Kind in den Mittelpunkt gestellt wurde und man vom Prinzip »Alle
lernen das Gleiche« abrückte. Ministerpräsident Oettinger wollte dann Chancenungleichheiten
ausgleichen und Kinder gezielt auf die Einschulung vorbereiten. »Das
Bildungshaus geht da noch ein Stück weiter«, sagt Erdmann.
Das sah auch Michael Fritz vom Ulmer Transferzentrum für Neurowissenschaften
und Lernen (ZNL) so. Ab September wird das Institut das Projekt
wissenschaftlich begleiten. Für vier Jahre steht die Finanzierung, zwölf
Mitarbeiter wurden dafür eingestellt. Der langjährige Grundschuldirektor Fritz
warb nicht nur für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Er sieht das Projekt
auch als mögliches »Bildungsmodell der Zukunft«. Nicht nur für das Wohl des
Kindes. Die demografische Entwicklung mit immer weniger Kindern - was die Frage
aufwirft, ob man sich in kleineren Gemeinden noch separate Kindergärten und
Grundschulen leisten könne - verlange nach neuen pädagogischen Konzepten.
Daher stellt sich für Fritz die Frage, wie Erfahrungen des Bildungshauses
übertragbar sind. Die am Projekt beteiligten Schulen und Kindergärten will die
Ulmer Einrichtung stärker vernetzen. Um sich besser austauschen zu können, soll
eine eigene Homepage eingerichtet werden. Doch die Untersuchung kann auch zu
dem Ergebnis kommen, dass das Bildungshaus keinen Vorteil für Kinder bringt,
warnt Fritz. »Es ist eine gute Idee, die sich aber noch beweisen muss, ehe sie
in die Fläche geht.« Kinder, so sein Herzensanliegen
bei aller Begeisterung für das Projekt, »dürfen nicht als Versuchsobjekt
missbraucht werden«. Wenn es sein muss, will er auch die Reißleine ziehen.
Solche Zweifel hatten die konkret am Projekt beteiligten
Kindergartenmitarbeiter und Lehrer nicht. Sie versuchen, pragmatisch mit
Schwierigkeiten umzugehen, etwa wenn sie die durchaus divergierenden
Bedürfnisse von Drei- und Zehnjährigen durch Sport oder Musik unter einen Hut
zu bringen versuchen.
Von der Kindergarten-Mitarbeitern kam eher der Wunsch,
dass die höhere zeitliche Belastung ausgeglichen wird. Den Schulen hat das
Kultusministerium des Landes nämlich drei Stunden mehr an Deputat bewilligt,
was sie bei den Kindergärten mit eigenen Trägern nicht tun wird. Also ist dort
wieder die Stadt gefordert. Ein weiteres Mal Dieter Hauswirth
statt Angela Merkel. (GEA)