Schwäbische Mundart im Unterricht der Klasse 3

„Saua, roifla, schbrenga, wetza, kräbsla … stand zwei Projekttage lang an der Tafel, an der sonst nur Hochdeutsches steht. Die Mundartdichterin Petra Zwerenz kam - unterstützt vom „Förderverein schwäbischer Dialekt Tübingen“ - als Referentin in die dritten Klassen der Uhlandschule Neuhausen. Anlass war eine thematische Einheit zum Heimatdialekt.


Petra Zwerenz las aus dem Manuskript ihres neuen Buchs „A Fraind auf vier Pfoda“ vor. Es handelt von Kalle, dem Mischlingshund und seinem Leben auf dem Bauernhof. Sie las und erzählte in einem Schwäbisch, das überaus anschaulich und anheimelnd klang. Es war ein Vergnügen, ihrem lebendigen Vortrag zu lauschen und sich auf die lebhaften Bilder einzulassen, die vor dem inneren Auge des Zuhörers entstanden. Sie erzählte in einer wahrhaft sinnlich emotionalen Sprache, die die Gefühlswelt der Kinder intensiv ansprach.
Entsprechend gebannt lauschten sie .

Anschließend sollten die beiden Klassen unter der Leitung ihrer Lehrkräfte Edith Reusch und Frank Letsche selbst Parallelgeschichten über das eigne Lieblingstier aufschreiben. Wer solch ein Ziel hat, der muss schwäbische Wörter kennen. Hier half ein Wörtersteinbruch mit schwäbischen Wörtern an der Tafel (siehe Bild) und das „Schwäbische Handwörterbuch“ von Hermann Fischer. Wer schwäbisch schreiben will, muss nicht nur die richtigen Wörter kennen, er muss auch wissen, wie man diese Wörter schreibt. Wer verstanden hatte, dass jedem Laut auch ein Buchstabe oder eine Buchstabenkombination zugeordnet ist, tat sich leicht:
Man schreibt wie man spricht.
Es gibt keine Ausnahmeregeln wie im Hochdeutschen, die man erst mühsam erlernen muss.

Auch die Grammatik folgt im Schwäbischen eigenen Regeln. Hier ein Beispiel zum schwäbischen Relativpronomen : „Dr Mo wo an dr Haltestell gstanda isch, isch etzt nemme do.“ Oder zum schwäbischen Genitiv: „Em Karl Heinz seinr Dode ihra Schwägerä ihr Fahrrad …“. Im Schwäbischen gibt es auch nicht so viele Zeitformen: Die Gegenwart wird für alles verwendet was „jetzt isch“ und „was no sei wird“. Und die Vergangenheit wird mit der vollendeten Gegenwart gebildet:
Dirla hend gfrässa, send kräbsled ond gsaued ond hend mit Nussa gschmissa.

Warum sieht der Bildungsplan vor, dass man sich in der Schule auch mit dem Heimatdialekt beschäftigt? „Ist das nicht Zeitverschwendung?“ fragten sich manche Eltern. Sollte man die Zeit nicht lieber nutzen, um die „Hoch“sprache zu erlernen?

Die Antwort ist einfach. Sie hat etwas mit dem Selbstwertgefühl der schwäbischen Kinder zu tun und mit ihrem Verständnis für Sprache als individuelle kulturelle Ausdrucksform.
Alle, die bisher glaubten, dass der Dialekt ein „falsches Hochdeutsch“ sei, wurden eines Besseren belehrt.

Diese Erkenntnis ist für alle Kinder wichtig, deren Muttersprache ein Dialekt ist. Für sie ist das Hochdeutsche zunächst die Sprache der Anderen, der scheinbar Intelligenteren. Unzweifelhaft ist es wichtig und daher Ziel der Schulbildung, die Hochsprache zu kennen und zu beherrschen, denn nach ihr richtet sich die Rechtschreibung, in ihr werden alle offiziellen Texte geschrieben. Aber es ist auch wichtig, um die Bedeutung und die Wertigkeit des eigenen Dialekts zu wissen.
Wer schwäbisch spricht, spricht kein „falsches“ Deutsch, sondern einen eigenständigen Dialekt.

Entsprechend stolz präsentierten die Drittklässler ihre eigenen Texte bei einer Lesung für die Eltern.

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